Reithosen-Guide: Vollbesatz, Kniebesatz, Grip – die Unterschiede
Die Reithose ist das meistbenutzte Ausrüstungsstück des Reiters – sie ist bei jeder Einheit dabei, muss stundenlange Reibung aushalten und dabei sitzen wie eine zweite Haut. Trotzdem wird sie oft nach Farbe gekauft statt nach Funktion. Dabei steckt der eigentliche Unterschied zwischen den Modellen an einer Stelle, die man im Laden leicht übersieht: im Besatz – also der rutschhemmenden Verstärkung an den Kontaktflächen zum Sattel. Dieser Guide sortiert Besatzarten, Materialien und Schnitte einmal komplett durch.
Was ist eigentlich der Besatz?
Der Besatz ist die verstärkte, griffige Zone der Reithose an den Stellen, mit denen der Reiter Kontakt zum Sattel hat. Er hat zwei Aufgaben: Er gibt Halt (verhindert Rutschen im Sattel) und schützt die Hose an den Verschleißzonen vor Durchscheuern. Wo dieser Besatz sitzt und woraus er besteht – genau daran unterscheiden sich Reithosen grundlegend.
Vollbesatz vs. Kniebesatz: Die Grundsatzentscheidung
Vollbesatz: Maximaler Halt
Beim Vollbesatz zieht sich der Besatz durchgehend vom Gesäß über die Innenseiten der Oberschenkel bis zu den Knien – die komplette Kontaktfläche zum Sattel ist griffig. Das Ergebnis: ein ruhiger, satter, „eingesessener" Sitz. Deshalb ist der Vollbesatz die erste Wahl der Dressurreiter, bei denen ein tiefer, ruhiger Sitz das A und O ist, und generell die heute meistverkaufte Variante.
Die Kehrseite: Viel Halt bedeutet weniger Beweglichkeit im Sattel. Wer viel im leichten Sitz reitet, aufstehen und sich bewegen will, kann sich am Vollbesatz regelrecht „festkleben" – vor allem bei starkem Silikon-Grip.
Kniebesatz: Maximale Bewegungsfreiheit
Beim Kniebesatz ist nur die Innenseite des Knies verstärkt – dort, wo beim Reiten im leichten Sitz und über dem Sprung der Hauptkontakt liegt. Gesäß und Oberschenkel bleiben frei beweglich. Das macht den Kniebesatz zur klassischen Wahl fürs Springen, die Vielseitigkeit und lange Ausritte, bei denen der Reiter viel aus dem Sattel geht.
Die Kehrseite spiegelbildlich: weniger Halt im Grundsitz. Wer als Anfänger noch mit der Balance kämpft, sitzt mit Kniebesatz „loser" – was, dazu gleich mehr, kein Nachteil sein muss.
Und was ist besser für Anfänger?
Hier gibt es zwei ehrliche Antworten. Die pragmatische: Der Vollbesatz gibt Sicherheit und ist deshalb die verbreitete Empfehlung für Einsteiger. Die reiterliche: Manche Ausbilder empfehlen bewusst weniger Grip, damit sich der Sitz über Balance und Losgelassenheit entwickelt – und nicht über das Festkleben am Silikon. Ein sehr starker Grip kann Sitzfehler kaschieren und kleine Sitzkorrekturen sogar erschweren, weil die Hose am Sattel „hängt". Der vernünftige Mittelweg für die ersten Jahre: ein Voll- oder Kniebesatz mit moderatem Grip statt der maximal klebrigen Variante. (Was sonst noch in die Anfänger-Ausrüstung gehört, steht in unserem Ratgeber zur Reit-Erstausstattung.)
Das Besatzmaterial: Silikon, Stoff oder Leder?
Die zweite Dimension neben der Besatzfläche ist das Material – und hier hat sich der Markt in den letzten Jahren komplett gedreht:
Silikonbesatz ist heute der Standard: aufgedruckte Silikon-Punkte, -Linien oder -Muster direkt auf dem Hosenstoff. Vorteile: sehr guter Grip, geringes Gewicht, volle Elastizität der Hose bleibt erhalten, unkompliziert waschbar. Die Grip-Stärke variiert je nach Menge und Muster des Silikons deutlich zwischen den Modellen – von dezent unterstützend bis „festgeklebt". Mit der Zeit und vielen Wäschen lässt die Haftung etwas nach; das ist normaler Verschleiß.
Stoffbesatz ist die klassische, unauffällige Variante: eine aufgesetzte Lage aus glattem, verstärktem Gewebe. Er bietet kaum zusätzlichen Grip, dafür maximale Bewegungsfreiheit und den traditionellen Look – auf dem Turnier in der Dressur nach wie vor gern gesehen, und die richtige Wahl für alle, denen Silikon zu viel „klebt". Auch als Verschleißschutz funktioniert er tadellos.
Lederbesatz war jahrzehntelang das Maß der Dinge und ist heute eine Nische: Echtleder passt sich an, sitzt geschmeidig und hält lange – verlangt aber Pflege und verträgt die Waschmaschine schlecht (Leder kann hart werden und ausbluten). Verbreiteter sind Kunstleder-Besätze (Mikrofaser-/Veloursmaterialien), die das geschmeidige Ledergefühl mit Maschinenwaschbarkeit verbinden – ein guter Kompromiss für Vielreiter, denen Silikon nicht liegt.
Schnitte und Modelle: Von klassisch bis Leggings
Die klassische Reithose hat einen festen Bund mit Knopf und Reißverschluss, Gürtelschlaufen und elastische Beinabschlüsse (die früher üblichen Klettverschlüsse am Bein sind weitgehend von weichen Stretch-Einsätzen abgelöst worden – angenehmer im Stiefel und in der Stiefelette).
Die Reitleggings ist der Aufsteiger der letzten Jahre: ohne Knopf und Reißverschluss, mit breitem elastischem Bund und fast immer mit Handytasche am Oberschenkel. Sie trägt sich wie eine Sporthose, ist schnell an- und ausgezogen und im Stallalltag unschlagbar bequem. Qualitativ gibt es riesige Unterschiede – entscheidend ist blickdichtes, formstabiles Material mit ordentlichem Kompressionsanteil; sehr dünne Leggings verschleißen an den Kontaktflächen schneller als klassische Hosen. Fürs Turnier ist die klassische Hose weiterhin die sichere Wahl.
High-Waist-Schnitte mit hohem Bund geben Halt im Rumpf und verhindern das gefürchtete Rutschen des Bundes beim Leichttraben – für viele Reiterinnen inzwischen das Standardmodell.
Die Jodhpurhose – weiter geschnitten, mit langem Bein zum Drübertragen über Jodhpurstiefeletten – ist heute vor allem im Kinderbereich und bei traditionellen Reitweisen zu finden.
Saisonmodelle: Winterreithosen mit angerautem Thermo-Innenfutter oder aus Softshell halten auf dem Winterpaddock warm; Sommerhosen setzen auf leichte, atmungsaktive Gewebe. Wer ganzjährig reitet, fährt mit je einer Sommer- und einer Winterhose plus Alltagsmodell gut.
Damen, Herren, Kinder: Die Schnitte unterscheiden sich deutlich (Bundhöhe, Beinlänge, Gesäßform) – Herren greifen zu Herrenmodellen, auch wenn die Auswahl kleiner ist; bei Kindern lohnen mitwachsende Modelle mit elastischem Bund.
Passform: So muss eine Reithose sitzen
Eine Reithose sitzt richtig, wenn sie eng anliegt wie eine zweite Haut, ohne einzuschneiden – Falten sind der Feind, besonders in der Kniekehle und am Gesäß, wo sie beim Reiten scheuern. Beim Anprobieren immer in die Hocke gehen und ein Bein anwinkeln wie im Sattel: Der Bund darf hinten nicht abstehen, der Besatz muss auf dem Knie liegen (nicht darüber oder darunter), und das Bein darf am Abschluss nicht einschnüren. Zwischen zwei Größen gilt bei elastischen Modellen: eher die kleinere, denn hochwertige Stretchgewebe weiten sich beim Tragen minimal – eine zu große Reithose wirft nach wenigen Wochen Falten.
Noch ein Wort zur weißen Turnierhose: Sie ist ein eigenes Kapitel – wird selten getragen, muss aber perfekt sitzen und blickdicht sein. Hier nicht am Material sparen und die Hose ausschließlich fürs Turnier reservieren. (Die komplette Turnier-Ausstattung listet unsere Turnier-Checkliste auf.)
Pflege: Damit Grip und Elastan lange halten
Reithosen sind Funktionskleidung – und wollen so behandelt werden: auf links drehen, bei moderater Temperatur waschen und vor allem keinen Weichspüler verwenden – er setzt sich in Elastan-Fasern und auf Silikonbesätzen ab und kostet Elastizität wie Grip. Silikon- und Stoffbesatz vertragen die Maschine problemlos, Echtleder-Besatz dagegen nicht (Handpflege bzw. Herstellerangaben beachten). Trocknen an der Luft statt im Trockner – Hitze ist der zweite Elastan-Killer. So gepflegt hält eine gute Reithose viele hundert Reitstunden.
Häufige Fragen zu Reithosen
Was ist besser: Vollbesatz oder Kniebesatz? Kommt auf die Reitweise an: Vollbesatz gibt maximalen Halt und ist die erste Wahl für Dressur und sicherheitsbewusste Einsteiger; Kniebesatz lässt mehr Bewegungsfreiheit und passt zu Springen, Gelände und langen Ausritten. Falsch ist keins von beidem.
Welcher Besatz ist für Anfänger geeignet? Meist ein Voll- oder Kniebesatz mit moderatem Silikon-Grip: genug Halt für Sicherheit, aber nicht so klebrig, dass die Hose Sitzfehler kaschiert. Extrem starker Grip ist für die Sitzschulung eher hinderlich.
Was ist der Unterschied zwischen Silikonbesatz und Stoffbesatz? Silikon haftet spürbar am Sattel und gibt aktiven Grip; Stoffbesatz verstärkt die Hose nur und lässt den Sitz frei gleiten. Silikon dominiert heute den Markt, Stoff bleibt die Wahl für Traditionalisten und alle, denen Silikon zu viel Halt gibt.
Sind Reitleggings vollwertige Reithosen? Für Training und Alltag ja – sofern Material und Besatz hochwertig sind. Sie bieten denselben Grip wie klassische Hosen, verzichten nur auf Bund und Verschluss. Fürs Turnier bleibt die klassische (weiße) Reithose der Standard.
Wie muss eine Reithose sitzen? Hauteng ohne einzuschneiden, faltenfrei in Kniekehle und Gesäß, Besatz exakt auf der Kniekontaktfläche, Bund auch in Reitposition anliegend. Immer in Hocke und „Sattelposition" anprobieren.
Darf man Reithosen mit Weichspüler waschen? Besser nicht: Weichspüler greift Elastan an und mindert die Haftung von Silikonbesätzen. Auf links, moderat warm, lufttrocknen – so bleiben Grip und Passform am längsten erhalten.
Fazit: Der Besatz folgt der Reitweise
Die Kurzformel des Guides: Vollbesatz für den ruhigen, tiefen Sitz (Dressur, Sicherheitsbedürfnis), Kniebesatz für Beweglichkeit (Springen, Gelände, leichte Sitzarbeit), moderater Grip für alle, die an ihrem Sitz noch arbeiten. Beim Material führt für die meisten kein Weg am pflegeleichten Silikon vorbei, Stoff und Kunstleder bleiben die Alternativen für alle, denen das zu viel Haftung ist. Wer dann noch auf faltenfreie Passform achtet und den Weichspüler im Schrank lässt, hat lange Freude an seiner Hose – und sitzt genau so, wie es die eigene Reiterei verlangt.